Das Buch ist ein Kulturgut oder Bleib‘ negativ!



Meine Tätigkeit als freier Autor bringt es mit sich, dass eine gewisse Neugier förderlich sein kann. Die Neugier lenkt sich nicht auf Nachbarn, Feierlichkeiten oder Tratsch. Sie gilt beispielsweise mehr der Politik, Gesellschaft und der Wirtschaft. So schlenderte ich neulich durch verschiedene Buchhandelsgeschäfte, um den Markt zu sondieren. Es macht einen Unterschied, ob Du einen der bekannten Filialisten oder einen der letzten inhabergeführten Buchhändler aufsuchst.


Ins Auge stechen zahlreiche Titelseiten, neudeutsch Cover, mit einem auffällig roten Bestseller-Hinweis. Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass diese Sticker bereits bei Erscheinung der Bücher auf der Titelseite berücksichtigt wurden. Für Staunen sorgen ebenso die Buchtitel dieser Bestseller-Autoren. Ich habe sie zwar fotografiert, doch will ich hier keine Werbung für eine nicht stubenreine Sprache machen. Noch weniger will ich Verlage und Autoren an den Kragen, denn ich kenne die Inhalte solcher Bücher nicht. Jedem mögen der Lohn für seine Mühen und der Erfolg gegönnt sein. Ohne Ross und Reiter zu benennen, schließt diese Haltung selbstverständlich den neuen Star am Literaturhimmel ein, der mit Drogeriemärkten expandierte und im Firmenlogo ein stilisierter Zentaur zeigt. In der griechischen Mythologie ist der Zentaur ein Mischwesen aus Pferd und Mensch-eben ein Rossmann.


In den letzten Jahren und mit zunehmender Digitalisierung galt das Buch als Auslaufmodell. Hinter rückläufigen Lesern, verbunden mit sinkenden Umsatzzahlen, versteckte sich zunehmend die Qualität der Bücher. Als stiller Beobachter darf ich mir erlauben, feststellen zu dürfen, dass Erfolg nicht unbedingt etwas mit Qualität zu tun haben muss, aber Qualität der Aussicht auf massenhaften Erfolg geopfert wird. So landeten vorzugsweise jene Bücher auf den Aktionspaletten der Buchhandelsketten, wenn diese in Zeitungen besprochen und/oder per Anzeigen beworben wurden. Auf diese Art tauchen ‚gemachte‘ Bestseller auf entsprechenden Hitlisten auf, die dem Leser suggerieren, das und kein anderes Buch müsse es sein.


Man könnte meinen, das Buch wandelte sich vom Kulturgut zum Industrieprodukt. Ich kannte eine Medizinjournalistin und erfolgreiche Buchautorin, von der ihr Verlag Jahr für Jahr einen großen Wurf erwartete. Sie hatte sich vertraglich dazu verpflichtet und litt unter enormen Schreib-Druck, bis der Goldesel ausgebrannt war. Kreative Gedanken sind unter Stress nicht möglich.

Das Corona-Virus führte dazu, dass wieder mehr Menschen ein Buch in die Hand nehmen. Steigendes Interesse an Literatur kommt glücklicherweise Verlagen und Autoren ohne Getöse zugute, die sich mit Leidenschaft und Sachkenntnis um das lesenswerte Buch sorgten. Mir scheint auch seitens der Leser das Vermögen, sich selbst ein Urteil in inhaltlichen und ästhetischen Fragen zu bilden und den Wert eines Buches wahrzunehmen, gestiegen zu sein. Sollte ich mich in diesen feinen Unterströmungen getäuscht haben, nützen die besten Buchhändler nichts, die mit Freude und finanziellem Risiko schöpferische Bücher bereithalten und weniger bekannte Titel in ihr Angebot aufnehmen. Sie bleiben darauf sitzen.


Es kommt also darauf an, das Richtige auszuwählen und thematische Vielfalt und Qualität in den Händen zu halten. Mach die Buchauswahl zum Vergnügen und nimm Dir Zeit beim Kaufen. Das gilt besonders, wenn Du ein Buch verschenken willst. Nach diesen Grundsätzen verkommt das Buch ganz sicher nicht zur Industrieware, sondern bleibt ein wichtiges Kulturgut jenseits aller Bestseller-Listen.

Lasse Dich anstecken vom Lese-Virus, tauche ein in ein gutes Buch und bleib‘ negativ!


Mit vorzüglicher Hochachtung

Michael Droste-Laux